Besuch in der Höhle des Löwen – gähn…

Am 18. Mai 2009 hat der Ravensburger Gemeinderat Geschichtsschreibung auf die Tagesordnung gesetzt (nach seinem Selbstverständnis ) und reichlich Vorräte und Getränke bereitgestellt.


Mir kommen schnell andere Vergleiche in den Kopf. Was da stattfindet ist in seiner Inszenierung nur mit einem ländlichen Hochamt (Pater Leutfried selig) vergleichbar. Die große Veitsburg- und Kunsthallensitzung, eine Veranstaltung bei der am Anfang und im Hauptteil viel Weihrauch verbraucht wird und an deren Ende mit Sicherheit ein lautes Amen, Orgel und Glockengeläut längst bestellt sind?


Wer ist der Zelebrant? Jedenfalls im Teil Kunstmuseum Rudolf Hämmerle, der hat das Zeug zum kommenden Oberministranten. Nach zwei drei Sätzen ist klar, daß die Selinkasammlung mindestens Weltbedeutung hat. Dass mindestens 80 Millionen Museumsbesucher in die Burgstraße wollen, und – der alten Tradition entsprechend „die Bedeutung zwischen Bregenz und Ulm” verteidigt wird. Aber wer, außer den Eingekleideten, hat diese Weltbedeutung festgestellt? Hier träumt der weltweit einzige Kritiker des Kunstmuseums: „ist die Erde doch eine Scheibe”?
Seit wann interessieren eine Glaubensgemeinschaft Intelektuelle Zweifel?


Wagen Sie es mal einem Rudolf Hämmerle zu sagen (im Auftrage von Partei und Kunst gerade den Girolamo Savanarola gebend) Otto Dix sei ein langweiliger Maler, ja der ganze Expressionismus spießig und angestaubt! Sie werden der Ketzerei bezichtigt werden und auf einem Scheiterhaufen vor den Toren dieser Stadt brennen. Sie wissen, da ist auch eine Tradition. Zugegeben, das ist schon eine Weile her aber der weltweit einzige Kritiker bekommt es, jetzt „da er namentlich verdammt wird”, mit der Angst zu tun. Dann endlich die versöhnlichen Töne, Worte vom Vertrauen. Vom Vertrauen zu Reisch. Das ist hier die frohe Botschaft: Vertrauen zu Reisch ist alles. Das war schon bei den Derivaten so. Warum soll das bei der Firma Reisch anders sein wie bei der Firma Deutsche Bank. Die Gläubigen haben über den letzten Sündenfall  „Vertrauen in die Spielbank” den Mantel des Vergessens und des Schweigens gehüllt.


Weiter geht es in Sitzung mit dem nächsten Ratsherren „Es ist eine gute alte Tradition der Sozialdemokratie…” Wie, denkt der Kritiker, wird der alte Wolf eine so eröffnete Rede zu Ende bringen? Atme durch und überlege, ob du noch die Internationale mitsingen kannst? Aber nein, Hans Georgii setzt Maßstäbe. Nicht viele hätten mit einem solchen Satz eine Rede angefangen und zwei Sätze später mit der Forderung nach einem Cafe im zweiten Stock des neuen Kunstmuseums geendet. Das macht ihm auch ein Schuler nicht so schnell nach. Darauf muss man erst einmal kommen. Während dieser Worte das Gesicht des OB Vogler zu beobachten war’s wert. Kraus arbeitet am Gesamteindruck gut mit und kaut, so cool er nur kann, die Seele weiter. Georgii setzt einen drauf, so nebenbei läßt der Jurist wissen, der Dauermietvertrag ist  juristisch so schlecht formuliert, wie es nur sein kann, (ich interpretiere „ juristischer Murks”). Das aber halt mit links fürs Protokoll – Klasse, ein Meister bei der Arbeit! Der Georgii übertrifft alles, er hat das Zeug zum kleinen Berlusconi. Wirklich, wen interessieren Verträge, wenn man Zeuge ist, wie einer öffentlich in der Gemeinderatsrede die charmante Kollegin  der Nachbarfraktion anbaggert und auf einen Kaffe einlädt. Der Georgii, halt ein SPD Urgestein.


Vermutlich bin ich gerade Zeuge einer ganz persönlichen, sizilianisch-teuflischen Rache eines SPD-Paten am OB. Vogler verliert die Kontrolle über seine Mimik – herrlich, so enttäuschend die Abstimmung ausfallen wird – diese Nummer war der Mühe allemal wert.


Die charmante Kollegin von den freien Wählern hat jetzt auch noch das Wort. Alle helfen ihr, als sie das Wort verliert. Geschafft!


Nach dem Liebling von allen, die Kollegin von der CDU: Dr. Mauch-Frohn legt ein Bekenntnis zu Grundgesetz, und Menschenrechten ab, dass einem die Luft weg bleibt. Auch das hätte ich mir an dem Nachmittag nicht erwartet gehabt. Und ehrlich, mit einem weniger verschlafenen Lucha und einer weniger verschlafenen SPD müssten jetzt die Fetzen fliegen. Lucha verschläft – gähn. Mauch gibt reichlich -Weihwasser- gezielt.


Mit ihrer Basilika-Story zeigt mir das Terrierfrauchen der CDU wieder, wo der kleine Mann und der kleine Kritiker hingehören. Lob der Leibeigenschaft, Hand- und Spanndienste, Fronknechtschaft. Zu Ehren des Klosters damals, zu Ehren der Kunst heute. Es gibt Menschen, denen muss man sagen wo’s lang geht und es gibt Menschen die dazu geboren sind den Ton anzugeben. Dr. Mauch-Hohn lässt keinen Zweifel aufkommen, dass sie sich zu letzteren rechnet.


Wieder richtig eingenordet kann ich das Hochamt verlassen. Das Nickerchen zum Beitrag der Grünen, vermutlich schmeichelhaft.


Nachtrag in die Sakristei:

Alle wichtigen Entscheidungen, die in kleinen oder großen demokratischen Gemeinwesen getroffen worden sind, waren streitige Entscheidungen und NIE! einstimmig.


Einstimmige Entscheidungen sind nicht nur typisch für Diktaturen aller Art, sondern auch für mangelnde Zivilcourage der Mandatsträger, für Manipulationen und Korruption, bei Verschlafenheit der Entscheidungsträger und gelegentlich auch bei unwichtigen Themen.


Ich glaube daher, dass sich jedes Mitglied des Ravensburger Gemeinderates bei den zwei Mitgliedern (Scharpf und Lopez-Diaz) bedanken kann, die in diesem Hochamt mit Nein gestimmt haben. Sie haben den Gemeinderat als Ganzes vor einer Blamage bewahrt.


Autor HS




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